Bei diesem Projekt machen inzwischen weltweit
immer mehr Menschen freiwillig mit. Manchmal
frage ich mich warum, finde aber keine einleuchtende
Antwort. Letztlich glaube ich, sie tun es,
weil es ihnen Spaß macht.
Anfangs war das
Übersetzen der Hefte so eine
Art spielerische Unterhaltung innerhalb meiner
Familie und meines Bekanntenkreises. Das
wichtigste war: Wir hatten beim Arbeiten
Spaß zusammen und lernten uns beim Übersetzen
besser kennen: Freunde, Freunde von Freunden,
Nachbarn, Verwandte, Bekannte. Ich hatte
schon immer einen multinationalen Bekanntenkreis
– und jetzt wurden es schnell viel mehr.
Dabei spielte es keine Rolle, welcher Religion
jemand anhing oder welche soziale Stellung
jemand innehatte. Wichtig war nur, dass er
gern und freiwillig mitarbeitete – und unbezahlt,
denn an einen Verkauf der Hefte war ja nicht
zu denken.
Meine Nichte Tina, wohnhaft in Turin, Italien,
professionelle Übersetzerin für Italienisch
und Englisch, übersetzte als eine der ersten
Lilli Bärenstark, Band 1, ins Italienische.
Einer meiner ersten
Fans und auch einer der
ersten Übersetzer war mein Onkel Klaus, der
seit 65 Jahren in Japan lebt. Er übersetzte
meine Hefte ins Japanische und gab als Pädagogik-Professor
und japanischer Montessori-Präsident seinen
fachlichen Rat dazu. Er begriff auch sehr
schnell, welchen Nutzen die Fabrikation dieser
Hefte für alle Beteiligten hatte: „Renate
bringt die Leute zusammen!“ sagte er. Das
brachte es gut auf den Punkt. Moslems, Christen,
Hindus, Atheisten, Arme, Reiche, Ausländer
und Berliner aller Nationalitäten, auf einmal
saßen alle bei mir am Küchentisch und übersetzten
die Geschichten von Lilli Bärenstark und
ihren Eltern.
Ich fragte auch meine Freundin „Ruth“, eine
Tamilin mit Mann und zwei Kindern, die schon
seit langem in Berlin lebt, aber nur sehr
wenig Deutsch kann. Die Antwort war ja. So
kam es dazu, dass wir einen ganzen Sonntag
lang zu fünft (die ganze Familie Vimalakanthan
und ich) angefangen haben, die
Bärengeschichten ins Englische und in Tamil
zu übersetzen. Dabei war sehr schnell klar,
dass es erhebliche Unterschiede zwischen
dem indischen und dem mitteleuropäischen
Kulturraum gibt, in den Werten und auch in
den Fantasien... Bären sind für Leute, deren
hinduistische Religion mit heiligen Elefanten
(und Kühen?) bestückt ist, als Sympathieträger
zunächst einmal fremd.
Die Mutter meines Untermieters Roman, eine
gebürtige Tschechin, machte sich gern die
Mühe, die Heftchen ins Tschechische zu übersetzen.
Als nächstes fragte ich Nachbarinnen, die
ich seit langem vom Sehen und gelegentlichem
kleinem Plauschen kenne: Maria de Sousa de
Lourdes übersetzte Lilli Band 1 ins Portugiesische.
Sie brachte Arabella Solari - Braunsberger
mit, eine seit langem eingebürgerte Frau
aus Peru, die Lillis ins Spanische übersetzte.
Die Frau meines Elektrikers übersetzte die
ersten beiden Hefte ins Polnische, das dritte
dann später Beate Pierskalla, die ich bei
Aldi kennen gelernt hatte und die sich sehr
bald als ernsthafter Lilli- Bärenstark- Fan
herausstellte...
Da ich seit eh und je etliche Pädagogen und
zahlreiche Ausländer in meinem Bekanntenkreis
habe, ergab es sich von selbst, dass Leute
erfuhren, womit ich gerade beschäftigt war.
Die meisten Leute waren spontan so angetan
von meiner Idee, dass sie auf die eine oder
andere Weise mitmachen wollten: Die einen,
indem sie selber übersetzten, die anderen,
indem sie Ausländer zu mir brachten, die
sich übersetzend beteiligen wollten.
Eine alte Freundin aus Südengland, Rebecca
Mannings, war inzwischen in ihre Heimat zurück
gezogen. Aber sie übersetzte nach einigem
Betteln doch mit ihrer Nichte Lucy Cole zusammen
zwei Lilli-Bände ins Englische. (England)
Für die sehr schwierige Übersetzung ins Englische
fanden wir nach einigem Suchen in Bad Münder
(Hannover) auch noch einen Amerikaner mit
eigenen literarischen Ambitionen, der den
Namen Lilli Bärenstark für die englischsprachige
Ausgabe in „Lily Bearhug“ übersetzte. Auf
meine Frage, was das heißen würde, erwiderte
er: ""Lily" kommt von "Lilie"
wie bei dem menschlichen Vornamen – und "Bearhug"
heißt so viel wie „heftige, liebevolle Umarmung".
Das ist die passendste Übersetzung von "Bärenstark",
in der auch das Wort "Bär" vorkommt!"
Ich war beeindruckt von so viel gedanklicher
und emotionaler Aufwendung für so eine kleine
Übersetzung. Natürlich meine ich auch, dass
die Übersetzer sehr viel Freiheit bei der
Arbeit brauchen. Schließlich habe ich bei
meinen tamilischen Freunden miterleben können,
dass sie einen ganzen Nachmittag darüber
debattiert haben, wie man die 12 kurzen Sätze
in Lilli Bärenstark Band 1 so ins Tamilische
übersetzen kann, dass es für Tamilen verständlich
und "stimmig" ist.
Die Belgierin Gaby Breugelmans, die meine
Lilli ins Flämische übersetzte, und Yvonne
Hörr, die mir auf viele Weise hilfreich zur
Seite stand, habe ich 2001 bei dem Domingo-Konzert
im Gerry Weber Stadion in Halle /NRW kennen
gelernt. Sie teilen meine Sympathie für diesen
Sänger. Und ich konnte sie ohne Mühe dazu
gewinnen, bei meiner „Lilli-Performance“
mitzumachen.
Bald darauf trat eine chinesische Psychologiestudenten
aus Shanghai in mein Leben, um die „Lillis“
ins Chinesische zu übersetzen. Sie lachte
dabei lauthals über vieles, was mir selber
nicht unbedingt sehr komisch vorkam. Aus
Spaß haben wir die chinesische Übersetzung
von Band 2 mit westlicher „Lautschrift“ versehen,
damit europäische Opas und Omas beim Vorlesen
ihre Enkel damit beeindrucken können, dass
sie fließend Chinesisch lesen...
Eines Tages lernte ich beim Einkaufen bei
Aldi eine farbige Deutsche aus Sambia kennen:
Patricia Neuenbäumer Mwila. Sie machte sofort
mit und übersetzte 3 Hefte in ihre Muttersprache
Bemba, von der ich vorher nie etwas gehört
habe. Aber inzwischen lese ich es perfekt.
Es hört sich auch richtig afrikanisch an:
„Lilli Bärenstark besucht Berlin“ heißt auf
Bemba: „Lilli Bärenstark atandalila Berlin“
Den türkischen Geschäftsmann in unserer Strasse,
Herrn Ali Celap, konnte ich mühelos dafür
gewinnen, mir die Geschichten ins Türkische
zu übersetzen. Es hat ihm Spaß gemacht, sagte
er. Ich fand die Zusammenarbeit erfreulich
mühelos. Türkisch kam mir viel leichter vor
als ich es mir vorgestellt hatte.
Meine Nachbarin Ellen Rosemeier war entzückt
von den Bärchen-Zeichnungen und sehr darauf
bedacht, mein Projekt zu unterstützen und
voranzutreiben. Sie hatte viel Kontakt zu
in Berlin lebenden Ausländern der unterschiedlichsten
Herkunft und besorgte mir Übersetzungen in
zahlreiche Sprachen: Ihre Freunde aus aller
Welt übersetzten meine Heftchen ins Armenische,
Finnische, Dänische, Holländische, Indonesische,
Kurdische, Persische... Finnisch kam mir
furchtbar schwierig vor...
Die Tochter unseres Schusters in der Mommsenstraße
übersetzte Band 1 und Band 2 ins Russische:
Leider hatte sie anfangs keinen russisch
schreibenden PC, so dass ich lange warten
musste, bis sich endlich eine professionelle
Übersetzerin fand, Cirsten Eichler, die das
Übersetzte dann richtig abschreiben konnte.
Eine andere Nachbarin, Kadrije Binaku, Muslimin,
fand Band 1 meiner Hefte für sich selber
so hilfreich, dass sie die Übersetzung ins
Albanische organisierte und anschließend
eine Spende von 35 Heften an das Behandlungszentrum
für Folteropfer in Berlin (im Klinikum Westend)
veranlasste. Als Übersetzerin fand sie die
vom Klinikum Westend engagierte Dolmetscherin
für die Patienten aus Albanien, Dafina Sejdijaj.
Herzlichen Dank, wie allen anderen auch Ihnen,
Frau Sejdijaj!
Die Resonanz von mehreren pädagogischen,
psychologischen, psychiatrischen und sozialpädagogischen
Einrichtungen war von Anfang an sehr gut:
Die Leser meiner kleinen Geschichten hatten
offenbar den Eindruck, dass in diesen Heftchen
eine Synthese von Unterhaltung, (außerschulischer)
Bildung und „Therapie“ gelungen war. Ich
erhielt von dieser Seite sehr viel Lob.
Zum weiteren wollen wir ja auch nicht vergessen,
dass in Deutschland 4 Millionen deutsche
Menschen leben, die weder lesen noch schreiben
können. Für diese Leute eignen sich die Malbücher,
denn darin können sie auch Texte abschreiben.
Von anderer Seite bekam manchmal sehr harsche
Kritik zu hören. Dadurch begriff ich, dass
man, je „öffentlicher“ man wird, um so mehr
zum Übertragungsobjekt für alle Arten von
Leuten wird, die meinen, dass sie ihre Aggressionen
an mir abreagieren dürfen, können, müssen...
Diese Geschichte ist hier nicht zu Ende.
Fast jeden Tag lerne ich Leute kennen, die
mir gern bei der Fortsetzung meiner Geschichte
behilflich sein wollen. Heute habe ich im
Copyshop Emanuelle aus Canada kennen gelernt,
was mir sehr viel weiter helfen wird, denn
mit Englisch und Französisch tun sich bisher
alle meine Übersetzer und auch ich selber
schwer (obwohl ich zweisprachig aufgewachsen
bin und lange Jahre Französischlehrerin war
– aber das ist auch schon eine Weile her).
Im Oktober 2002 kam noch ein Übersetzer dazu:
Dr. Dietrich Ley, Zahnarzt in Köln am Rhein,
übersetzte Lillis zusammen mit seiner VHS-Lehrerin
ins Neugriechische, nachdem er 8 Jahre lang
Unterricht darin erhalten hatte: ein Klacks.
Schwieriger war es für uns, die Neugriechisch
nicht konnten, die Schrift an der richtigen
Stelle in die Lillis zu übertragen... Im
Oktober 2002 fand ich eine Schulklasse von
Schülern, deren Muttersprache Englisch ist:
Die Klasse 6 der Berlin-Brandenburg International
School in Klein-Machnow. Zusammen mit ihrer
Lehrerin, Frau Krallmann, übersetzten sie
Lilli Band 4 unterrichtsbegleitend ins Englische.
Diese Schüler erhielten als Entgelt jeder
ein Lilli-Heft, an dessen Übersetzung sie
mitgewirkt hatten – und etwas für die Klassenkasse.